Das Wachstum der Verkäufe von Elektroautos hat sich im Jahr 2024 auf nur noch 35 Prozent verlangsamt. Die rasante Dynamik der vergangenen Jahre ist vorbei. In dieser Situation hat Bentley etwas angekündigt, das bis vor Kurzem noch unmöglich schien – die vollständige Umstellung auf Elektrofahrzeuge wird vom Jahr 2030 auf 2035 verschoben.
Warum bremst Bentley die elektrische Revolution?
Frank-Steffen Walliser, der Präsident der Marke, brachte es auf den Punkt: „Das ist eine realistische Korrektur, kein Rückschritt.“ Das klingt nach einer diplomatischen Erklärung, doch hinter diesen Worten steckt eine knallharte Marktanalyse. Bentley ist nicht die einzige Marke, die sich nun für eine Kursänderung rechtfertigen muss.

Die Wahrheit ist, dass sich Plug-in-Hybride besser verkaufen, als irgendjemand erwartet hätte. Im Jahr 2023 machten sie bereits 20–25 Prozent aller verkauften Bentleys aus. Die Kunden bevorzugen offensichtlich die Wahlmöglichkeit – mal elektrisch, mal mit Benzin zu fahren. Niemand möchte sich auf eine einzige Lösung festgelegt fühlen.
Drei Hauptfaktoren haben diese Entscheidung beeinflusst:
• Der Markt hat deutlich an Tempo verloren – die Nachfrage nach reinen Elektroautos wächst nicht so schnell wie erwartet, dafür gewinnen Hybride immer mehr Anhänger
• Die EU-Vorschriften bleiben unverändert – das Verkaufsverbot für Verbrenner gilt weiterhin ab 2035, sodass Bentley noch etwas Zeit für Manöver hat.
• Die Batteriekosten sind immer noch zu hoch, als dass Elektroautos ohne staatliche Subventionen preislich konkurrenzfähig wären
Walliser erwähnte auch die „Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Händlern“. Das bedeutet, dass das Unternehmen keine abrupten Schritte unternehmen will, die der gesamten Lieferkette schaden könnten.
Interessant ist, dass Bentley nicht auf die Elektrifizierung verzichtet, sondern das Tempo an die Realität anpasst. Schließlich handelt es sich um eine Luxusmarke, deren Kunden ganz bestimmte Erwartungen haben. Fünf zusätzliche Jahre könnten entscheidend sein, um die Technologie zu perfektionieren und die anspruchsvollsten Käufer zu überzeugen.
Konsequenzen für Bentley, die Kunden und den Luxusautomarkt
Die Verschiebung der Elektrifizierung von Bentley ist nicht nur eine technologische Frage – sie hat konkrete Auswirkungen auf das gesamte Geschäft. Es ist eigentlich kein Wunder, dass die Marke nun ihre Produktpläne schnell neu ordnen muss.

Das Hybrid-Portfolio wird nun zur Hauptentwicklungslinie bis 2030. Bentayga Hybrid ist bereits im Angebot, ebenso der Flying Spur Hybrid. Jetzt wird wahrscheinlich auch der Continental GT Hybrid dazukommen. Allerdings haben diese Fahrzeuge eine eher bescheidene elektrische Reichweite – laut WLTP sprechen wir von 25 bis 31 km. Das reicht eigentlich nur für Fahrten in der Stadt.
Interessante Sache mit den Kunden dieser Marke. Ich habe kürzlich mit dem Besitzer eines Transportunternehmens in Warschau gesprochen, das VIPs betreut. Er sagt, dass Hybride für ihn die ideale Lösung sind. Warum? Weil es praktisch keine 350-kW-Ladestationen gibt und seine Fahrer hauptsächlich in Warschau und Umgebung unterwegs sind. Die elektrische Reichweite der Hybride reicht für Fahrten in der Stadt aus, und wenn sie weiter fahren müssen, erledigt der Benzinmotor den Rest.
Das zeigt etwas Wichtiges – Käufer von Luxusautos denken anders als durchschnittliche Kunden. Komfort und Sicherheit sind wichtiger als Umweltfreundlichkeit. Niemand möchte mit einem Bentley zwei Stunden an der Ladesäule stehen.
| Marke | Jahr der vollständigen BEV | Erstes BEV-Modell | Investitionen |
|---|---|---|---|
| Bentley | 2035 | 2026–2027 | 3 000 Mio. GBP |
| Rolls-Royce | 2030 | Spectre (2023) | 2 500 Mio. GBP |
| Mercedes-Maybach | 2030 | EQS Maybach (2022) | 1 500 Mio. EUR |
Rolls-Royce hat den Spectre bereits seit letztem Jahr auf dem Markt. Auch Mercedes-Maybach zögert mit dem EQS nicht. Bentley bleibt zurück, aber vielleicht ist das gar keine schlechte Strategie? Schließlich ist es besser, ein gutes Auto mit Verspätung herauszubringen, als schnell etwas Halbgares auf den Markt zu werfen.

Das Problem ist, dass der Markt nicht stehen bleibt. Wenn die Konkurrenz bereits erprobte Elektromodelle hat und Bentley erst anfängt, könnte es schwierig werden, den Rückstand aufzuholen. Besonders in China, wo Elektroautos bei wohlhabenden Kunden bereits zum Standard gehören.
Andererseits könnte diese Pause dazu beitragen, die Infrastruktur und Technologie besser vorzubereiten. Denn was nützt es, wenn das Auto fertig ist, aber die Kunden weiterhin Angst vor Reichweite und Laden haben.
Wie geht es weiter – Szenarien bis 2035 und zentrale Erkenntnisse
Nach einer Analyse der aktuellen Marktsituation lohnt es sich, darüber nachzudenken, was uns in den kommenden Jahren erwartet. Ehrlich gesagt hat niemand eine Kristallkugel, aber man kann einige Szenarien in Betracht ziehen.
▶ Optimistisches Szenario → Bentley kehrt an die Spitze zurück
Nehmen wir an, alles läuft nach Plan. Die Infrastruktur in Polen entwickelt sich rasant, wir erreichen bis 2030 die eine Million Elektrofahrzeuge. Bentley bringt den neuen Flying Spur EV heraus, der tatsächlich 600 km mit einer Ladung fährt. Die Kunden hören auf, sich über Reichweite und Ladezeiten zu beschweren. In diesem Szenario gewinnt die Marke ihre technologische Führungsposition im Ultra-Premium-Segment zurück.
▶ Realistisches Szenario → Langsame Transformation
Wahrscheinlich wird es so sein, dass die Infrastruktur wächst, aber nicht so schnell wie geplant. Bentley hält das Hybridangebot noch bis 2028 aufrecht, weil die Kunden noch nicht bereit für eine vollständige Elektrifizierung sind. „Der Übergang wird schrittweise und nicht revolutionär verlaufen“ – so sehe ich das. Die Verkaufszahlen bleiben auf einem ähnlichen Niveau, aber ohne spektakuläre Zuwächse.
▶ Vorsichtiges Szenario → Verzögerungen und Probleme
Die Infrastruktur ist mangelhaft, die EU-Vorschriften sind zu restriktiv und die Batteriekosten sinken nicht schnell genug. Bentley muss aufgrund von Euro 8 und der CO₂-Steuer bereits ab 2026 zusätzliche Gebühren für Verbrennermodelle erheben. Einige Kunden verzichten auf einen Kauf und warten auf bessere Zeiten.

Wenn du über einen Kauf nachdenkst, habe ich ein paar Tipps. Für Firmenflotten: Investiere jetzt in PHEV, in BEV erst ab 2027. Private Käufer sollten mit BEV bis 2026-2027 warten, es sei denn, sie haben Zugang zu Schnellladestationen zu Hause.
Was die EU-Vorschriften betrifft – sie werden entscheidend sein. Die Euro-8-Norm wird die V8-Benziner hart treffen, und die CO₂-Steuer könnte die Preise um 15–20 % erhöhen. Bentley wird diese Kosten wahrscheinlich auf die Kunden abwälzen.
Die Transformation wird schmerzhaft, aber unausweichlich sein. Wer sich frühzeitig vorbereitet, wird sie besser überstehen.

